Das haarige Mädchen

 

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DAS HAARIGE MÄDCHEN, Parthas Verlag, 2005
Roman

16. Jahrhundert. Ein Mädchen aus Antwerpen, das am ganzen Körper behaart ist, reist mit ihrer Familie an oberitalienische Höfe, um dort vorgeführt zu werden. Dort gerät sie in die Fänge der Inquisition, kann aber mit ihrem Geliebten fliehen.

Leseprobe

[…] Meine Aufregung wächst, denn die Ankunft des Fellmädchens naht: Längst hat sich die Nachricht verbreitet, obwohl sie geheim bleiben sollte. Die Menschen gieren nach dem Wunderbaren und die Kirche nützt es schamlos aus. Allerlei Mär vernimmt man. Die Statue der heiligen Jungfrau soll Bluttränen geweint haben. Von sprechenden Hunden ist die Rede, die den Weltuntergang auf Lateinisch verkünden. Die Vorstellungskraft der Menschen wirft ein Netz über unsere Wirklichkeit.

Rezension

Wiedergelesen – Das haarige Mädchen

Zur Jahreswende auf der Suche nach Menschlichkeit fiel mir im Bücherregal „Das haarige Mädchen“ von Heidi von Plato in die Hände. Der Roman ist vor fast zehn Jahren erschienen, ein historischer Stoff aus der italienischen Spätrenaissance, und scheint mir noch spannender als beim ersten Mal und aktueller denn je zu sein. „Die Menschen gieren nach dem Wunderbaren“ … „aus den Wänden wachsen Ohren.“ Aus verschiedenen Richtungen bewegen sich die Fäden des Romans stetig auf das Zentrum des Unheils zu. Die Inquisition droht alle Beteiligten zu verschlingen, man pflegt „einen dünnen Schlaf“ und „verschluckt Wörter.“

Heidi von Plato zeigt auf der einen Seite die zutiefst menschlichen Empfindungen des hochgebildeten Mädchens Tognina, das die Liebe entdeckt und gegen ihren Willen verheiratet wird. Auf der anderen Seite wird Tognina von den Menschen ausgegrenzt, als ein Tier, ein Monstrum gesehen und ihr haariges Fell in einem Anatomiesaal vorgeführt.

Die Zeichen des Unheils transportiert die Autorin sehr gelungen mit Hilfe einer poetischen Sprache, wenn „wie lebende Würmer aussehenden Nudeln über den Tellerrand kriechen“ oder „fallendes Laub einen Augenblick inne hält.“

Es scheint mir – damals wie heute – nur das Tanzen zu helfen, fröhlich und lebhaft gegen alle Gefahr und den Herzögen dieser Welt zu trotzen wie Tognina, die am Schluss fliehen und als Frau ein selbstbestimmtes Leben beginnen kann.

Anna Epplin

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