Das verschwundene Manuskript

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DAS VERSCHWUNDENE MANUSKRIPT, Anthea Verlag 2013
Ein Georg-Büchner-Roman

Im Zentrum steht das verschollene Drama Georg Büchners über den Renaissancedichter Aretino. Der Roman spielt in Straßburg, wo Georg Büchner bis zum Herbst 1836 lebte. Hat Büchner ein Drama über den Renaisssancedichter Aretino geschrieben, das verschollen ist? Heidi von Plato unternimmt eine faszinierende Spurensuche. Drei Personen im Umkreis von Büchner könnten ein Interesse am Verschwinden des Dramas gehabt haben: Der verrückte Peppi, der Freund Thomas Lovell Beddoes, Arzt und Dichter, und Büchners pietistische Verlobte Minna Jaegle.

„Heidi von Plato schreibt anrührend und fesselnd.“ Anne Hahn, Weltexpress

Leseprobe

[…] In den letzten Nächten hatte er kaum geschlafen. In seinem Spiegelbild sah er einen Fremden mit kleinen, schielenden Augen und wirrem blonden Haar, das vom Kopf abstand. Wer ist das? lachte er. Keine Antwort. Vielleicht waren die Kalender abgeschafft und die Zeit hatte sich eingerollt wie eine Katze. Am frühen Morgen, als die Möwen zu schreien begonnen hatten, war er mit einigen Szenen seines neuen Stückes über Aretino, einem spöttischen Renaissancedichters, fertig geworden. Dessen Worte hatten es ihm angetan. Ich diene keinem. Ich kann es nicht dulden, dass mir einer befehle, wie groß er auch sei. Kein abgeschlossenes Stück, einige Szenen, die noch mit atheistischen Stellen gewürzt werden mussten.

Rezension

08.01.2015 / Feuilleton / Seite 10 JUNGE WELT

Der Schorsch
Heidi von Plato hat einen spannenden Roman über Georg Büchner geschrieben

Von Matthias Reichelt

Buechner

Seine Freunde nannten ihn Schorsch.
Georg Büchner auf einer undatierten Zeichnung.
Foto: dpa-Bildfunk

 

Karl Georg Büchner (1813–1837) war ein Querkopf, ein stürmischer Unruhegeist und radikaler Demokrat. »Schorsch«, wie er in hessischer Anlehnung in dem kürzlich erschienenen kurzen Roman Heidi von Platos genannt wird, besaß ein wissenschaftliches wie literarisches Ausnahmetalent. Er promovierte über das Nervensystem der Barbe und hinterließ ein – seinem kurzen Leben geschuldet – kleines, aber bis heute aktuelles Œuvre. Er gilt als die wichtigste literarische Stimme des Vormärz. Seine Dramen »Woyzeck« sowie »Dantons Tod« finden sich im Repertoire vieler Bühnen. Die in Berlin lebende Heidi von Plato, Autorin mehrerer Bühnenstücke, Romane und Hörspiele, beleuchtet die letzten und glücklichsten Monate Büchners im Straßburger Exil. Schorsch lebte dort ganz in der Nähe seiner Verlobten, die Pfarrerstochter Minna Jaeglé, die er fast täglich besuchte. Sie versüßte ihm die Zeit des erzwungenen Exils. Durch seine Flugschrift »Der Hessische Landbote«, einem Aufruf zum Handeln gegen den Obrigkeitsstaat, war er auffällig geworden, musste Haussuchungen über sich ergehen lassen und Schlimmeres befürchten. Ein Zitat findet sich auch heute noch auf mancher Häuserwand: Friede den Hütten! Krieg den Palästen! Um einer Verhaftung zuvorzukommen, wählte er als Exil Straßburg, wo er bereits studiert hatte und seine Liebe, Minna, zu Hause war. Mit ihr frönte er dem vorehelichen Sex.

Ökonomisch war er voll und ganz auf heimliche Unterstützung seiner Mutter und Großmutter angewiesen. Von der direkten politischen Betätigung musste er sich fernhalten, um nicht seine polizeiliche »Unbedenklichkeitsbescheinigung« zu gefährden. Die brauchte er, um seine Universitätsstelle in Zürich antreten zu können. Schorsch wollte finanziell endlich auf eigenen Beinen stehen, um seine Liebste ehelichen und ihr ein sicheres Leben bieten zu können.

Der rasant und mit deftiger Note erzählte Roman beruht weitestgehend auf dem aktuellen Forschungsstand zu Büchners Leben. Als ein die Handlung antreibendes Element dient der Autorin das verschwundene Manuskript eines frivolen Theaterstücks über den italienischen Renaissancedichter Aretino, an dem Büchner gearbeitet haben soll. Allein, es wurde niemals im Nachlass gefunden, was zu verschiedenen Vermutungen Anlass gab. Eine Version bezichtigt die fromme Minna, das Fragment vernichtet zu haben, da ihr Büchners atheistische Einstellung ein Dorn im Auge gewesen war. Einer anderen Theorie zufolge könnte Büchner das Manuskript einem Kollegen zur kritischen Lektüre anvertraut haben, der es nie zurückgegeben hat. Zu jener Zeit war das Kopieren nur handschriftlich möglich, kostete Zeit und Geld. Das große Verdienst der Autorin besteht darin, dem Leser die psychische Innenwelt Büchners glaubhaft vor Augen zu führen. Seine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen kollidierte mit der Religiosität und der Obrigkeitshörigkeit seiner Umwelt. Hin- und hergerissen zwischen erzwungener Anpassung und dem Drang, seine Stimme zu erheben, durchlebte er ein Wechselbad der Gefühle. Auch die Liebe zu Minna verlangte ihm eine opportune Rücksichtnahme ab, die zu einer Zurückhaltung bei der Kritik an Kirche und Staat zwang.

Heidi von Plato: Das verschwundene Manuskript. Ein Georg-Büchner-Roman. Anthea Verlag, Berlin 2014, 12,90 Euro

 

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